Logo Dr. Hildegard Gruber

Fachärztin für Augenheilkunde und Optometrie

Wahlärztin

Ärztezentrum Traisenpark
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3107 St. Pölten
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Leseprobe aus dem Buch "Ich sehe anders"

Hinweise auf das Vorliegen einer Sehschädigung

Kinder mit angeborener oder frühkindlich erworbener Sehschädigung entwickeln sich anders und verhalten sich anders als sehende Kinder, da ihnen wesentliche visuelle Informationen vorenthalten bleiben.

Das Risiko einer bleibenden Sehschädigung ist bei vielen Kindern schon von Geburt an bekannt oder es wird vermutet. Oftmals führen Erkrankungen während der Schwangerschaft oder eine zu frühe und mit Komplikationen behaftete Geburt zu einer allgemeinen Behinderung und auch zur Sehbehinderung. 70 % aller frühgeborenen Kinder mit einem Geburtsgewicht von weniger als 1000 Gramm entwickeln eine Frühgeborenennetzhauterkrankung. Geburtskomplikationen wie Sauerstoffmangel oder zerebrale Blutungen schädigen das Gehirn und häufig auch das Sehzentrum. Zu Schäden an Auge und Gehirn kann es auch noch im Kleinkindesalter durch Narkosekomplikationen, Sauerstoffmangel, Entzündungen, Tumore oder Traumen kommen. Sehschädigungen, die auf genetischen Ursachen beruhen, sind gelegentlich in der Familie bekannt. Bei den meisten hereditären Augenerkrankungen liegt jedoch der rezessive Vererbungsmodus vor, von dem die Eltern zumindest beim ersten betroffenen Kind noch nichts wissen.

Wie erkennt man eine Sehschädigung bei einem Kind, das an sich gesund geboren wurde?

Wenn Eltern ihr Kind mit diesem Verdacht zum Augenarzt bringen, wird zunächst die Anamnese (Vorgeschichte) erhoben: Was ist den Eltern bei ihrem Kind aufgefallen? Hat es Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt gegeben? Hat die Mutter Medikamente genommen? Gibt es in der Familie Augenerkrankungen oder Blutsverwandtschaft?
Während der Gesprächsführung ist es bereits möglich, das Verhalten des Kindes zu beobachten. Besteht visuelles Interesse, schaut sich das Kind im Raum um und entdeckt es Gegenstände oder Spielsachen, die es haben möchte?
Zunächst versucht man, mit dem Kind Augenkontakt zu bekommen. Dabei bewegt man geräuschlos den Kopf hin und her und achtet darauf, ob das Kind diesen Bewegungen mit den Augen folgt. Hilfreich sind auch die Angaben der Eltern. Haben sie das Gefühl, dass sie selbst Augenkontakt mit ihrem Kind aufnehmen können, oder haben sie den Eindruck, dass das Kind durch sie hindurchsieht. Bei vermuteter Blindheit interessiert uns die Reaktion des Kindes auf Licht. Blinzelt das Kind oder schließt es die Augen, wenn in einem dunklen Raum plötzlich das Licht aufgedreht wird? Schließt das Kind die Augen bei Sonnenschein? Ändert sich sein Verhalten bei Lichtwechsel? Besteht Lichtscheu oder ist das Kind sehr lichthungrig und starrt es in helle Lichtquellen?
Neben dem Interesse für Licht wird auch nach der Fixation von großen bunten oder glitzernden Gegenständen gefragt. Greift das Kind nach Gegenständen und betrachtet sie diese (Auge-Hand-Koordination)? Spielt das Kind mit seinen eigenen Händen?
Wichtig sind die Beobachtung der Eltern hinsichtlich Veränderungen der vorderen Augenabschnitte, z. B. Linsentrübungen oder Schielabweichungen. Wird ein Augenzittern bemerkt?
Die augenärztliche Untersuchung klärt einerseits die Sehfunktionen, andererseits die organischen Veränderungen der vorderen Augenabschnitte und des Augenhintergrundes ab.
Mit der Untersuchung der Pupillenreaktion ist eine erste Beurteilung der vorderen Sehbahn möglich. Zur Diagnosestellung sind manchmal elektrophysiologische (VEP, ERG), entwicklungsneurologische oder neuroradiologische Untersuchungen erforderlich.
Die Sehschärfe Neugeborener ist noch sehr gering und beträgt im Durchschnitt 0,02 (2%). Sie entwickelt sich in den ersten Lebensmonaten sehr rasch und beträgt im Alter von 12 Monaten ca. 0,2 bis 0,3. Die Sehschärfe verbessert sich kontinuierlich und erreicht bei einem sechsjährigen Kind normale Werte von 1,0 bis 1,25.
Besonders Frühgeborene oder „small for age“-Kinder können eine verzögerte visuelle Entwicklung (delayed visual maturation – s. S. 103) aufweisen. Diese Kinder fixieren oft bis ins Alter von einem halben Jahr nicht oder schlecht. Es besteht kein Nystagmus, die Augen sind ansonst normal. Danach verläuft die Entwicklung normal. Auch in anderen Bereichen kann die Entwicklung verzögert sein.
Bei größeren Kindern ist Augenbohren (okulodigitaler Reflex) ein Zeichen einer schweren Sehschädigung. Durch das Drücken auf das Auge werden interessante Lichtphänomene erzeugt. Gesichtsfeldeinschränkungen werden auffällig, wenn Kinder Spielsachen, die vor ihnen liegen, nicht bemerken oder beim Laufen über Gegenstände am Boden drüberfallen, obwohl sie andererseits diese Spielsachen interessiert ansehen.
Wesentlich sind auch Hinweise auf Kopf- und Körperhaltung. Ein Kind mit einem halbseitigen Gesichtsfeldausfall dreht den Kopf zur Seite des Ausfalles um sein erhaltenes Gesichtsfeld in die Mitte zu rücken. Kopfschiefhaltungen können auch zur Beruhigung eines Nystagmus bzw. bei Augenbewegungsstörungen eingenommen werden.
Im Kleinkindesalter kann Verdacht auf eine Sehbehinderung geschöpft werden, wenn das Kind bei Visusanforderungen, z. B. Bilderbücher anschauen, keine Konzentration aufweist und beim Spielen mit kleinen Dingen schnell die Lust verliert. Im Spiel mit gleichaltrigen Kindern wirkt das sehbehinderte Kind ungeschickt und kann bei Visusanforderung Spiele verweigern und trotzig werden. Kinder, die alles anfassen (taktile Analyse) und in den Mund nehmen (orale Analyse), Kinder, die in einer neuen Umgebung nicht still sitzen bleiben, sondern im ganzen Raum herumgehen (motorische Wahrnehmung) und Kinder, die auffällig hören (akustische Wahrnehmung), sollten unbedingt einer Abklärung ihrer Sehentwicklung unterzogen werden.

2019 - Dr. Hildegard Gruber